«O quam cito transit gloria mundi!» – Die Knieresektionschiene nach Billroth

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Abb. 1: Knieresektionsschiene nach Billroth, Inventarnummer 14387.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Beschreibung

70 Zentimeter lange Lagerungsschiene aus schwarz bemaltem Eisenblech. Zwei schmale Seitenstücke laufen über die ganze Länge durch. Vorne knicken sie als Standbeine ab und dazwischen sitzt eine flache, in der Schräge verstellbare Fussauflage mit dünner Polsterung. Gegen hinten sitzen nach 2/3 Länge Scharniere, in denen die Seitenstücke abgewickelt werden können. In der Mitte und hinten verbinden zwei halbrund gebogene Bleche die Seitenschienen und dienen als Auflagen für Ober- und Unterschenkel. Über jedem halbrunden Blech sitzt ein Bogen aus Stahlblech, durch den eine massive, spitze Schraube nach unten weist. Die beiden grossen Schraubgriffe tragen die Meistermarke «LUTTER BERLIN» (Vgl. Abb. 2).

Eine sichere Verknüpfung zu Akten oder Dokumenten fehlt. Gemäss alten Fotos war die Schiene Teil der 1961 unter Prof. Ackerknecht1 eingerichteten «didaktischen» Dauerausstellung. Damals wurden ausgestellten Objekten die Etikette entfernt, ein Sammlungsinventar wurde aber erst 1978 unter seinem Nachfolger begonnen. Ausgerechnet bei unseren interessantesten Objekten müssen wir seither die Provenienz mühsam rekonstruieren.
 

1: Prof. Dr. Erwin Heinz Ackerknecht (1906-1988), von 1957 bis 1971 ordentlicher Professor und Direktor des Medizinhistorischen Instituts und Museums.

Der Schraubenstift nach Malgaigne (1840)

Wer in der Geschichte der Knochenchirurgie etwas bewandert ist, erkennt die wesentlichen Teile an der Schiene auf Anhieb: die beiden Stahlbögen mit spitzer Schraube. Dabei handelt es sich um ein 1840 von Joseph-François Malgaigne (1806-1865) erfundenes Instrument, auf Deutsch «Schraubenstift nach Malgaigne» genannt (Vgl. Abb. 2).

Malgaigne suchte einen Weg, schräg gebrochene Beinknochen korrekt ausgerichtet auf einer Schiene zu fixieren. Mit Bandagen war dabei so viel Druck nötig, dass die Zirkulation im Bein unterbrochen zu werden drohte. Der spitze Stift sollte durch Haut und Fleisch hindurch den Druck direkt auf den Knochen bringen. An der Einstichstelle entstand zwar ein kleines Loch, das sich aber selten entzündete und nach Entfernen der Spitze meist spontan wieder zuheilte. Malgaigne erfand den Schraubenstift 1840, beschrieb ihn erstmals 1843 und publizierte 1847 die ersten Abbildungen.

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Abb. 2: Der Schraubenstift nach Malgaigne. Bestandteil der Knieresektionsschiene, Inventarnummer 14387.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Der Erfinder als Spur

Von Anfang an haben wir vermutet, dass die Schiene aus der Sammlung der Chirurgischen Klinik stammt, die 1919 vom Vorläufer der heutigen Medizinischen Sammlung übernommen worden war. Zu dieser Teilsammlung besitzen wir glücklicherweise noch das alte Inventar von 1882 mit ca. 900 Positionen; unglücklicherweise – Schnipp-Schnapp-Aktion sei Dank – tragen nur noch 300 davon die alten Etiketten.

In diesem alten Inventar taucht zweimal der «Schraubenstift von Malgaigne» auf: als Einzelgerät mit der Nummer B VIII.47 sowie als «Beinschiene mit Schraubenstiften v. Malgaigne» mit der Nummer B VIII.46. Zu beiden Einträgen besitzen wir ein der Beschreibung entsprechendes Objekt in der Sammlung. Die Schiene dürfte 1882 tatsächlich Teil der Chirurgischen Sammlung gewesen sein. Doch auf welchem Weg kam sie dorthin?

Die Knieresektionsschiene nach Billroth (1859)

Der Entwurf der Schiene als Ganzes stammt nicht von Malgaigne, sondern gehört zum Frühwerk eines bekannten deutschen Chirurgen. Während seiner Assistenzzeit in Berlin beschäftigte sich Theodor Billroth (1829-1894) u.a. mit Flintenschüssen durchs Kniegelenk und wie man diese komplexen Verletzungen angemessen versorgen konnte (Billroth 1859). Traditionell amputierte man gleich am Oberschenkel. Die Statistiken zur Sterblichkeit sahen inzwischen aber besser aus, wenn nur das Kniegelenk entfernt und das Bein versteift und verkürzt wurde, indem man Oberschenkel und Schienbein direkt aufeinander verwachsen liess.  Auch für die Patienten hatte das geringere Einschränkungen zur Folge, als wenn das Bein über dem Knie abgesägt wurde.

Nach einer Diskussion über die Schnittführung setzte sich Billroth auch mit der Konstruktion einer geeigneten Schiene auseinander, mit welcher das Bein nach der Resektion am besten fixiert werden sollte. Ausgehend von englischen Modellen entstanden in Zusammenarbeit mit dem Instrumentenmacher August Lutter in Berlin mehrere Varianten, von denen die vielseitigste Version mit Schraubenstiften nach Malgaigne versehen wurde (Billroth 1859, Fig. 3).

Die Schiene wird in der Literatur selten erwähnt und schaffte es offenbar auch nicht in den «Kanon» der wichtigeren Schienen und Bandagen ihrer Zeit. Wir fanden den Artikel auch nur durch eine Google-Recherche zu «Malgaigne». Wie landet ein so apokryphes Gerät – und dann auch noch vom «originalen» Hersteller – hier in Zürich?

Billroth in Zürich (1860-1867)

Ganz einfach: Der Erfinder kam selbst. 1860 – also etwa ein Jahr nach der Publikation der Schiene – erhielt Theodor Billroth den Ruf an die Universität Zürich und die Chirurgische Klinik, dem er auf den 1. April 1860 folgte. Er blieb knapp acht Jahre in dieser Stellung tätig bis er 1867 nach Wien wechselte, wo er dann bis zu seinem Lebensende blieb.

Es war für ihn lebenslang ein Anliegen, regelmässig und reflektiert Bericht über seine chirurgische Tätigkeit abzulegen. Und zwar ehrlich und statistisch verwertbar, um möglichst viel daraus lernen zu können.  Dieser Ansatz trug wesentlich zur Wissenschaftswerdung der Medizin bei. In seinem ersten Buch berichtete er über seine Jahre in Zürich (Billroth 1867), worin er Fallgeschichten und statistische Darstellungen mit einigen erzählerischen Abschnitten kombinierte. Für uns von besonderem Interesse sind Auseinandersetzungen, die er mit Spitalverwaltung und Universitätsleitung führte und die in Zürich bleibende Neuerungen zur Folge hatten.

Instrumentenbeschaffung an der Universität Zürich vor und nach 1860

Bei seiner Berufung war noch ein Urparagraph des Krankenhausreglements in Kraft: «Jeder Arzt im Krankenhause hat für die Instrumente, welche er zu Operationen braucht, aus eigener Tasche selbst zu sorgen» (Billroth 1867, S. 40). Das wurde wohl auch in Zürich zunehmend als unzeitgemäss empfunden, denn die Fülle an Instrumenten wurde Jahr für Jahr grösser. Als Billroth erklärte, nicht über die notwendigen Mittel zu verfügen, stellte man ihm - quasi als «Einrichtungskredit» - ein Budget von 3000 Franken zur Verfügung. Der Einfachheit wegen brachte er die meisten Instrumente gleich aus Berlin mit und liess die Rechnungen vom Kanton Zürich bezahlen.

Wieviel Überwindung dieser Bruch mit der Tradition die Kasse und die Verwaltung gekostet haben mag, ist heute schwer abzuschätzen. Es hatte jedenfalls zur Folge, dass nicht nur die diesbezügliche Korrespondenz mit Billroth bis heute im Staatsarchiv aufbewahrt liegt, sondern auch die beiden höchsten Rechnungen von 1860. Auf jener der Firma August Lutter in Berlin vom 26. März 1860 ist auf Seite 4 zuoberst eine Knie Resections Maschine aufgeführt. Sie kostete 15 Reichsthaler, das entsprach damals etwa 120 Franken.

Obwohl das eigentlich unersetzbare Etikett vom Objekt weggeschnitten und spurlos entsorgt wurde, sind wir bei der Knieresektionsschiene ausnahmsweise zuversichtlich, seine Herkunft bis hin zur Originalrechnung belegen zu können!

Einsatzhistorie der Schiene

Billroths Bericht über seine Jahre in Zürich kann man auch danach durchforsten, welche Rolle die Knieresektionsschiene in der Praxis gespielt hat. Da er selbst erwartete, die Operation vorwiegend bei Schussverletzungen vorzunehmen, überrascht es nicht, dass er in seinen knapp acht Jahren im friedlichen Zürich nur in vier Fällen darauf zurückgriff. Er erwähnt aber nie, dass dabei seine Schiene zum Einsatz gekommen wäre. Das erklärt natürlich deren sehr gute Erhaltung – aber wie fixierte er die operierten Beine sonst?

In zwei Fällen beschrieb er die Operation näher. Beide Male bediente er sich des in den 1850ern aufgekommenen Gipsverbandes (https://de.wikipedia.org/wiki/Gipsverband), in den direkt nach dem Aushärten die zur Wundversorgung nötigen Fenster geschnitten wurden. Dieses Verfahren eignete sich offenbar noch besser als seine so wohldurchdachte Schiene aus Blech. Das Aufkommen des Gipsverbandes erklärt wahrscheinlich auch, weshalb Malgaignes an sich revolutionärer Stift schon wieder vergessen ging, kaum dass er publiziert war. Das Bessere ist der Feind des Guten – «Oh wie schnell vergeht der Ruhm der Welt!»