Auch chirurgische Instrumente haben ihre Konjunktur – die Impffeder nach Güntz

Wir haben dieses kleine und unscheinbare Instrument für eine Einzelvorstellung ausgewählt, weil wir anfangs Mühe hatten, es korrekt zu bestimmen und davon ausgehen, dass es anderen ähnlich ergehen könnte und weitere Exemplare unerkannt in Sammlungen liegen. Ausserdem hat das Instrument eine exemplarische «Karriere» erfahren, welche wesentliche Veränderungen in Medizin und Impfwesen des 19. Jahrhunderts nachzeichnet. Seine Eigenschaften verschafften ihm anfangs regionale Akzeptanz bis wütende Ablehnung, zwischenzeitlich landesweite Anerkennung und schliesslich ein sang- und klangloses Ende.

Abb1
Abb. 1: Das Instrument Inventarnummer 14252 in der Übersicht. Länge 15 cm.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Beschreibung und Funktion

Die Impffeder diente der Pockenimpfung und funktioniert wie eine Schreibfeder mit zusätzlich eingesetzter Klinge. Die Spitze wird in Impflymphe1 getaucht, die anstelle von Tinte zwischen die Arme aufgenommen wird. Die Distanz zwischen den Armen wird mit der horizontalen Schraube geregelt und der Viskosität des Impfstoffs angepasst. Mit der vertikalen Schraube wird eingestellt, wieweit die Schneide der dazwischenliegenden Klinge zwischen den Armen vorsteht, was die Schnitttiefe festlegt. Der Impfstoff musste zwar unter eine bestimmte Hautschicht gelangen, aber möglichst nicht in die Blutbahn. Macht man mit der Klinge einen Schnitt in die Haut, fliesst automatisch die zwischen den Armen hängende Impflymphe in die erzeugte Wunde nach und die Schneide bleibt befeuchtet.
 

1: Damit ist nicht die Lymphflüssigkeit gemeint. «Impflymphe» ist ein Euphemismus für den aus den Pockenpusteln der letzten Impflinge entnommenen klaren Eiter, mit dem bei den nächsten Impflingen die Immunreaktion ausgelöst wurde.

Abb2
Abb. 2: Detailfoto der Spitze des Instruments Inventarnummer 14252.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Die seit der Einführung der Vakzination um 1800 zum Impfen benutzten Nadeln, Lanzetten und sonstigen Instrumente wurden beim Eintauchen in die Lymphe nur oberflächlich benetzt, was vor jedem Impfvorgang wiederholt werden musste. Die Impffeder dagegen behielt – wie eine Schreibfeder die Tinte – aufgrund der Oberflächenspannung ein kleines Reservoir an Impfstoff zwischen den Armen zurück, das für Dutzende von Impfschnitten nacheinander reichte.

Die Erfindung

Das Instrument wurde vom Arzt Eduard Wilhelm Güntz (1800-1880) in Leipzig erdacht. Als damaliger Sekretär der Medicinischen Gesellschaft zu Leipzig stellte er es an deren Sitzung vom 24. Juni 1834 erstmals öffentlich vor.2 Nach eigenen Angaben hatte er sich intensiv damit auseinandergesetzt, wie sich die Mechanik einer Schreibfeder abwandeln liesse, um geläufige medizinische Geräte zu ersetzen. Ausser der Impffeder präsentierte er zwei weitere ähnliche Geräte, eine «schneidende Stahlschreibfeder» und eine «halbseitig schneidende stellbare Pinzette», die er «als Uebergangsstufen zu der erstgenannten Impffeder betrachtet wissen» wollte.

Leider wurden seine damaligen Ausführungen nicht im Detail abgedruckt, weshalb wir nicht wissen, was er sich selbst von der Impffeder versprach. Das sollte sich über die originalen Sitzungsprotokolle herausfinden lassen, falls diese noch erhalten und auffindbar sind.

2: J. C. A. Clarus und J. Radius (Hrsg.): Beiträge zur praktischen Heilkunde mit vorzüglicher Berücksichtigung der medicinischen Geographie, Topographie und Epidemiologie. Erster Band. Leipzig: Fleischer, 1834, S. 374.

Regionaler Erfolg

Wenige Wochen später erschien ein kurzer Abschnitt über die Impffeder in Froriep’s Notizen, wo als Hersteller und Bezugsquelle der Leipziger chirurgischen Instrumentenmacher Moritz Hornn angegeben wurde.3 Bereits Mitte 1835 waren mehr als 100 Stück der Impffeder verkauft worden und das Instrument lag in einer überarbeiteten Version vor. Sein Preis betrug in Stahl und Messing 1 Taler und 16 Groschen, mit silbernen Armen bzw. Schnäbeln 2 Taler das Stück.4 In keiner der frühen Publikationen wurde das Instrument abgebildet und vermutlich deshalb blieb es vielen Ärzten ausserhalb von Leipzig unbekannt.

Die früheste uns bekannte Darstellung stammt denn auch nicht aus einer medizinischen Publikation, sondern aus einem an eine allgemeine Leserschaft gerichteten Lexikon von 1836.5

3: Froriep’s Notizen Nr. 891 (Nr. 11 des XLI. Bandes) Juli 1834, S. 176 unter «Miscellen».
4: Jahrbücher der in- und ausländischen gesammten Medicin Br. VII., 1835, No. 2, S. 255.
5: Das Hauslexikon: vollständiges Handbuch praktischer Lebenskenntnisse für alle Stände. Fünfter Band, Kreis – Mythologie. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1836, S. 81.

Der heilige Zorn des Rezensenten

Im frühen und mittleren 19. Jahrhundert gab es eine Vielzahl medizinischer und wissenschaftlicher Gesellschaften, deren Sitzungen mehr oder weniger ausführlich protokolliert und zumindest in Auszügen abgedruckt wurden. Da aber unmöglich jeder Arzt jedes dieser Blätter abonnieren konnte, etablierten sich Zeitschriften, die aus der angebotenen Fülle wichtige Mitteilungen zusammenstellten. Der Sitzungsbericht aus Leipzig von 1834 wurde u.a. in der Medicinisch-chirurgischen Zeitung von 1837 abgedruckt, wobei sich der Redakteur zu einem Kommentar hinreissen liess, dessen Ausbruch sich wohl längere Zeit angestaut hatte:

«Es ist hier der Ort nicht, sich über die Erfindung des Dr. Güntz […] weiter auszusprechen; so viel ist indess gewiss, dass man endlich aufhören sollte, den Instrumentenkram durch solche nutzlose Künsteleyen über die Gebühr zu vermehren, während eine Vereinfachung desselben als Wohlthat zu betrachten wäre. Wer mit einer gewöhnlichen Lanzette nicht impfen kann, lasse diess Geschäft lieber ganz bey Seite. Besser hätte Hr. Dr. Güntz jeden Falls gethan, wenn er darüber nachgedacht hätte, eine Art und Weise zu entdecken, wie man ohne alle Anwendung von Instrumenten sicher impfen könnte.»6

Die 1830er waren eine Zeit, in der sich die Anzahl neu vorgestellter chirurgischer Instrumente ungemein stark vermehrte. So stark, dass die ins 18. Jahrhundert zurückreichende Tradition von epochenübergreifenden, mit Kupferstichen bebilderten «Instrumentensammlungen» aufgegeben wurde und von kleineren Publikationen abgelöst wurde, die nur noch aktuelle Instrumente berücksichtigten. In der Medizingeschichte wird diese «Inflation der Instrumente» oft dem Geltungsbewusstsein akademischer Ärzte zugeschrieben, die sich auf diese Art verewigt wissen wollten. Dieses Thema haben wir aber für eine andere Objektvorstellung vorgesehen.

6: Medicinisch-chirurgische Zeitung, 40. Ergänzungsband, N. 1013, den 9. Jänner 1837, S. 37-38.

Zögerliche Verbreitung

Jahre später, am 20. September 1843, stellte Güntz das Gerät an der 21. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Graz anschliessend an einen Vortrag mit anderem Thema vor, gefolgt von einem positiven Erfahrungsbericht eines Dr. Fröhlich.7 Ab da schaffte es die Impffeder meistens unter die Top 3, wenn in Deutschland über Impfgeräte gesprochen wurde. Im Jahr 1844 erschien ein positiver Bericht über das Instrument in Österreich und der Instrumentenmacher Neuhold in Wien nahm die Impffeder in sein Sortiment auf.8

Dennoch blieb die Impffeder immer etwas im Schatten. Sie war zu neu, um in die reich bebilderten Instrumentenübersichten der 1820er und 1830er Jahre Aufnahme zu finden und die Abbildung von 1836 war wohl zu abgelegen publiziert. Die nächstjüngere Abbildung findet sich 1852, nun immerhin in einem allgemeinen Lehrbuch.9

7: Medicinisch-chirurgische Zeitung, 40. Ergänzungsband, N. 1013, den 9. Jänner 1837, S. 37-38.
8: Knaffl 1844.
9: Cessner 1852, S. 90, Fig. 106.

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Abb. 4: Zeichnung des Instruments im Instrumentenhandbuch von Cesner 1852.

Generell wurde sie häufiger erwähnt als abgebildet, und ihr Erfinder ging allmählich vergessen. Mindestens einmal wurde sie nach dem Leipziger Hersteller als «Feder Horn’s» [sic!] benannt.10 Aber auch das Instrument blieb ausserhalb Leipzigs lange unbekannt. 1873 schlug ein Arzt vor, zum Impfen anstelle der Lanzette besser eine Reissfeder aus Stahl zu benützen, unwissend, dass ein solches Instrument bereits in ausgereifter Form existierte.11

10: Clementowsky 1872, S. 87.
11: Müller 1873.

Profiteur des Fortschritts

Dieser Vorschlag veranlasste Sanitätsrat Paul Loewenhardt 1874 in Berlin, die Impffeder endlich landesweit ins Gespräch zu bringen:

«Es sind in neuester Zeit mit so vielem Scharfsinn neue Instrumente, welche man bei der Impfung gebrauchen kann, wenn man will, erfunden und beschrieben worden, dass es mir beinahe Pflicht erscheint, nicht noch ein neues zu erfinden, sondern auf ein älteres, wie ich glaube, weniger bekanntes, die Aufmerksamkeit der Herren Collegen hinzuleiten […] Bei dem Instrumentenmacher Hornn in Leipzig habe ich vor Jahren ein Impfmesser gefunden, welches in Sachsen noch vielfach angewendet werden soll, allen Anforderungen entspricht, und dessen ich mich seitdem bei Massenimpfungen ausschliesslich bedient habe. Dieses Impfmesser (einen Namen hatte es meines Wissens nicht) besteht … [weiterführende Beschreibung]».12

12: Loewenhardt 1874, S. 314-315.

Zwei Wochen später «präzisierte» er in der gleichen Zeitschrift, dass das Instrument als «Günze‘sche Impffeder, erfunden 1823» bekannt sei und von der Fabrik von Oswald Hornn, Leipzig, bezogen werden könne.13 «Güntz» schrieb sich eigentlich ohne «e» und die Erfindung wird elf Jahre zu früh datiert,14 aber das soll Loewenhardts Bemühungen in der Sache keinen Abbruch tun.

Weshalb kramte er das alte Instrument wieder hervor und machte Werbung dafür? Zum einen war er von dessen Effizienz überzeugt, insbesondere vom geringen Verbrauch an Impflymphe. Einmal richtig eigestellt und mit Impflymphe versehen «[…] kann man ca. 50 Personen hinter einander und sehr schnell impfen, ohne eine weitere Veränderung oder neue Vorbereitung […] man hat einen unendlich geringen Lympheverbrauch; denn man füllt mit einem Impfröhrchen mittlerer Grösse die Feder zweimal […] Ein einziges Kind, von welchem die Lymphe zu rechter Zeit abgenommen wird, liefert genug Stoff zur Impfung von mindestens 500 Personen.»15

Hauptauslöser war aber, dass ab 1870 die staatliche Produktion von Pockenimpfstoff auf Glyzerinlymphe umgestellt und diese gesetzlich vorgeschrieben werden sollte. Glycerinlymphe war nicht nur länger haltbar, sondern auch deutlich «ergiebiger» herzustellen, weil dabei die aus Pockenpusteln gewonnen Impfflüssigkeit mit einem Gemisch aus Glycerin und Wasser auf das Zehnfache gestreckt wurde, angeblich ohne die Potenz des Impfstoffs zu verringern. Loewenhardt gehörte zu den vielen, die an letzterem zweifelten und schlug als Alternative vor, weiterhin unbehandelte und unverdünnte Impflymphe zu verwenden, diese aber durch die Impffeder effizienter zu nutzen.

Trotzdem wurde nicht nur die Glyzerinlymphe durchgesetzt, man begann auch zunehmend, den Impfstoff nicht mehr von Kindern, sondern von Kälbern zu gewinnen. Diese Impfstoffe erwiesen sich als tatsächlich schwächer: ein kleiner Einstich reichte nicht mehr aus, um eine sichere Impfreaktion auszulösen. Deshalb ging man dazu über, mit längeren Schnitten mehr Impfstoff in die Haut einzubringen. Dafür wurden neue Impfmesser entwickelt und vorgestellt, z.B. von Chalybäus, Kerstein oder Riesel. Andere erinnerten sich an Loewenhardts Artikel und nutzen die Impffeder nach Güntz, nun meistens als «nach Güntze-Löwenhardt» bezeichnet.

13: Loewenhardt, P.: Die Impffeder: Berliner klinische Wochenschrift, Elfter Jahrgang, N°. 28 vom 13. Juli 1874, S. 344.
14: Korrekt ist 1834, vgl. oben. 1823 ist das Gründungsjahr des ersten Herstellers Moritz Hornn, dessen Geschäft 1848 an Oswald Hornn überging.
15: Loewenhardt 1874, S. 315.

Opfer des Fortschritts

Der Erfinder lebte lange genug, um sich an dieser späten Blüte seiner Erfindung noch zu erfreuen und starb, bevor sich deren Ende abzeichnete. Zum Verhängnis wurde der Impffeder ausgerechnet ihre Hauptstärke. Hatte man mit ihr einmal Impflymphe aufgenommen, konnte man viele Patienten nacheinander Impfen. Das beschleunigte den Ablauf ungemein und sparte zusätzlich rare Impfflüssigkeit. Für die grossen Impf- und Nachimpfkampagnen im späten 19. Jahrhundert waren das grosse Vorteile. Allerdings nur dann, wenn man das Instrument zwischen den Patienten nicht säuberte oder gar desinfizierte.

Bei der Erfindung des Gerätes 1834 war Hygiene in der Medizin noch kein Thema. Die Warnungen von Semmelweis 1847/1848 verhallten ungehört und Listers Arbeiten ab 1867 blieben weitgehend auf den Operationssaal beschränkt (Vgl. die Objektgeschichte «Fit für eine neues Zeitater»). Erst nach der Identifizierung des Turberkels durch Robert Koch 1881 und die folgenden Forschungen zu Ansteckungswegen wurde den Medizinern zunehmend bewusst, dass beim Impfen auch ungewollte Krankheitskeime übertragen werden konnten.

Mit Desinfektion der Instrumente zwischen den Impflingen liess sich die Infektionsgefahr zwar begrenzen, diese machte aber die geschätzte Effizienz der Impffeder zunichte. Der Todesstoss kam mit der systematischen Durchsetzung der Asepsis ab 1890. Der Hersteller Aesculap16 führte zwar um 1898 noch eine «aseptische Version» der Impffeder «nach Güntze-Löwenhardt» ein.17 Aber die Mechanik war grundsätzlich zu fein und komplex aufgebaut, als dass sie sich effizient und zuverlässig desinfizieren liess.

Und so wurde um 1900 auch die Impffeder nach Güntz von einer Allianz zwischen den teuren, aber rasch in der Flamme zu sterilisierenden Platin-Iridium-Spitzen und den billigen, maschinengestanzten Einweg-Lanzetten auf den Müllhaufen der Geschichte geschoben.

16: Bis 1895 offiziell Jetter & Scheerer, danach bis 1969 «Actiengesellschaft für Feinmechanik, ehemals Jetter & Scheerer».
17: Aesculap, 1. Nachtrag zum Hauptmusterbuch Nr. 5, S. 362, Nr. 2726, ohne Abbildung. Im Hauptmusterbuch Nr. 6 ist sie nicht mehr gelistet.

Literatur