Ein didaktisches Etui mit Aderlassinstrumenten: Medizingeschichte zum Anfassen vor 200 Jahren

Abb.1
Abb. 1: Rotes Etikett des Etuis MHSZ 2801.

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APPARATUS INSTRUMENTORUM AD PHLEBOTOMIAM

So lautet die Aufschrift in Golddruck auf dem Etui Inv.Nr. 2108 (Abb. 1). «Apparatus» bezeichnet hier eher funktionsgleiche als zusammen funktionierende Teile, «instrumentorum» charakterisiert diese Teile als Werkzeuge und «phlebotomiam» ist die latinisierte Schreibweise für die Kombination der griechischen Wörter «phlebos» für Vene und «tomia» für Schnitt, also in etwa «Werkzeugsortiment für den Aderlass». Öffnet man das Etui, kommen sechs unterschiedliche chirurgische Instrumente zum Vorschein (Abb. 2).

Abb.2
Abb. 2: Etui MSZ 2801 offen.

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Bei den vier Instrumenten mit Griffflügeln bzw. -schalen (Nr. 3 bis 6) bestehen diese aus Schildpatt und ihre Stahlteile tragen den Meisterstempel «BRÜNGGER».1 Der chirurgische Instrumentenmacher Kaspar Brüngger eröffnete seine Werkstatt in Zürich um 1817 und führte sie bis zu seinem frühen Tod 1837. Wenige Wochen später verkaufte die Witwe das Geschäft samt Werkstatt und Warenbestand an den Messerschmied Tobler.2 Das schränkt den Herstellungszeitraum des Etuis auf maximal zwei Jahrzehnte ein. Die beiden übrigen Instrumente tragen keine Marke.

Die Anordnung im Etui erklärt sich nicht von selbst und es hat sich auch keine Liste dazu erhalten. Aber setzt man sich näher mit den Aderlasstechniken zwischen 1600 und 1800 auseinander, lassen sich die meisten Instrumente bestimmten Regionen und Epochen zuordnen.


1: Allerdings oft schlecht eingeprägt und nur unvollständig oder schwer zu lesen.
2: Unpublizierte Recherchen zu den chirurgischen Instrumentenmachern in Zürich.

Abb.3
Abb. 3: Instrumente ausgelegt und nummeriert (Nr. 1 zuoberst, Nr. 6 zuunterst).

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Nr. 1 steht für die deutsche Aderlassfliete, wie sie bis um 1700 in Gebrauch war.3 Nr. 2 ist ein deutscher Aderlassschnäpper, wie er von 1725 bis um 1900 üblich war.4 Nr. 3 entspricht einem Gerät, das Brambilla 1781 als «englisches Aderlassinstrument» abbildete, eine Art Klapp- oder gebrochene Fliete.4

Hinzu kommen drei Lanzetten. Nr. 4 ist eine typisch französische Aderlasslanzette, die auch ausserhalb Frankreichs oft und gerne genutzt wurde. Nr. 5 findet sich manchmal in italienischen Publikationen.6

Etwas spekulativ wird es mit Nr. 6. Diese Klingenform wird normalerweise als Abszesslanzette bezeichnet, da sie ursprünglich zum Öffnen von Geschwüren gedacht war. Da sie hier aber sicheren Aderlassgeräten an die Seite gestellt wird, repräsentiert sie vielleicht eine Vorliebe des Auftraggebers des Etuis oder eine technische Lösung für ein spezifisches Problem beim Aderlass wie z.B. «Rollvenen», vielleicht aber auch eine Region oder chirurgische Schule, die wir noch nicht bestimmen können.

3:
Vgl. Heister 1719, Taf. 11, Fig. 3.
4: Allerdings die überregionale Variante mit pistolengriffförmigem Gehäuse, keine der gestreckten Varianten des südwestdeutschen Raums, vgl. Objektgeschichte: Ein «verkehrter» Aderlassschnäpper – Eine Objektgeschichte zum Internationalen Tag der Linkshänder am 13. August 2020.
5: Brambilla 1781, Taf. II, Nr. 7. Im 19. Jh. wurden ähnliche Stücke manchmal auch als «Aderlassflieten nach Savigny» bzw. «Weiss» bezeichnet, nach den entsprechenden Instrumentenmachern in London.
6: Amato 1671, Tav. IX, links oben.

Die «falsche» Fliete

Nach der eben erläuterten geographischen und zeitlichen Zuordnung scheint das Etui alle für das 18. und ältere 19. Jahrhundert in Mitteleuropa geläufigen Aderlasstechniken anschaulich abzudecken. Das darf aber über ein wichtiges Faktum nicht hinwegtäuschen: Die Instrumente sind – wohl mit Ausnahme des Schnäppers - keine Originale aus den genannten Regionen und Zeiten, sondern wurden im frühen 19. Jh. nach dem Wunsch des Auftraggebers vom chirurgischen Instrumentenmacher Brüngger in Zürich gefertigt.

Das fällt besonders bei der «deutschen Fliete» ins Gewicht, die zwar eine solche aus der Zeit um 1700 darstellen soll, aber eben keine ist. Dafür ist sie – wie der Vergleich mit einem der seltenen Originale zeigt (Abb. 4), etwas zu stark und kantig geformt. Sie orientiert sich in Materialstärke und Verarbeitung mehr an den Einsatzflieten, wie sie zu Brünggers Zeiten in Aderlassschnäpper eingesetzt waren.

Abb.4
Abb. 4: Oben: Originale Aderlassfliete nach Heister um 1720 mit Schmiedemarke «I P», MHSZ 2335. Mitte: Nachempfindung/Rekonstruktion einer Fliete aus Etui MHSZ 2801. Unten: Ersatzfliete zu einem Aderlassschnäpper um 1820.

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Das sagt viel darüber aus, wie rasch und spurlos die Aderlassflieten nach 1700 aus dem Gedächtnis der Leute verschwunden sind. Brünggers Vater Johannes (1748-1821) war immerhin Schröpfer von Beruf und so hätte sich sein Sohn als Messerschmied mit dem Gewerbe des Aderlassens eigentlich besonders gut auskennen müssen. Offenbar kannten aber weder er noch sein Auftraggeber originale Flieten aus eigener Anschauung.

Provenienz des Etuis

Wieder einmal finden sich in unseren Unterlagen keine Angaben zur Herkunft des Etuis. Aber die rote Etikette mit einem Aufdruck nach dem Schema "Apparatus Instrumentorium ad XXX" in Goldpressung weist acht Etuis aus unserer Sammlung als zusammengehörig aus: MHIZ 659, 2108, 2650, 2757, 2773, 2774. 3451 und 3512. Darüber hinaus zeigen diese Etuis eine Reihe weiterer Gemeinsamkeiten.

Obwohl die Etuis nominell jeweils eine bestimmte Operation repräsentieren sollen, sind die komplexeren Instrumente darin bezüglich Herstellermarken, Datierung und Griffen oft heterogen zusammengesetzt. Nur die einfachen und meist auch jüngsten Instrumente stammen entweder von den chirurgischen Instrumentenmachern AMMANN oder BRÜNGGER, die in Zürich im frühen 19. Jahrhundert tätig waren.

Auch sind diese Etuis immer vollständig bestückt. Normalerweise kommen schon nach wenigen Jahren einzelne Instrumente abhanden, insbesondere kleine Scheren und Messer, die sich auch für häusliche Textilarbeiten eignen. Bei diesen Etuis sind dagegen oft noch zusätzliche Skalpelle und weiteres Werkzeug mit dabei, die in ähnlichen Etuis oft fehlen, da sie zur Grundausstattung eines Chirurgen gehören.

Hinzu kommt schliesslich noch, dass die Instrumente oft wenig platzsparend mit der Breitseite nach oben liegen und mit grösserem Zwischenraum als üblich platziert sind. Die Etuis sollten sich also besonders gut zu Schau- oder Lehrzwecken eignen.

Bei vier der acht Etuis (Inv.Nr. 2650, 2757, 2773 und 2774) lag bei der analogen Inventarisierung 1978 noch ein Etikett dabei mit der Aufschrift «Geschenk Dr. Meyer-Hürlimann, 1926» bzw. «1927», beschriftet von der Hand unseres Sammlungsgründers G.A. Wehrli (1888-1949). Bei den übrigen vier Etuis fehlten Etiketten oder sonstige Angaben zur Herkunft; zu diesen könnten zu Wehrlis Zeiten durchaus vergleichbare Etiketten erstellt worden sein, welche inzwischen verloren gingen.

Wer war Dr. Meyer-Hürlimann?

Dr. med. Carl Meyer-Hürlimann (1867-1926) war internistischer Chefarzt an der Neumünsterklinik in Zürich, was an sich leider wenig an den Objekten erklärt. Neben den bereits genannten acht Etuis erhielt die Medizinische Sammlung 1926/27 mit der gleichen Herkunftsangabe mindestens 20 weitere Etuis, zahlreiche Einzelinstrumente und anderes mehr geschenkt. Datiert man die Etuis und Geräte allein aufgrund von Form, Material und Herstellermarken, wurde beinahe jedes Stück vor der Geburt dieses Arztes hergestellt. Die meisten dürften etwa 50 Jahre vor 1867 geschaffen worden sein, aber nur wenige Stücke müssten mehr als 100 Jahre älter sein.

Solche oder ähnliche Verhältnisse erleben wir immer wieder: Wir erhalten aus dem Nachlass eines Arztes ein Spektrum an medizinischen Instrumenten, deren Entstehungszeit sich nicht mit dessen Lebensweg zur Deckung bringen lässt. Wenn wir Pech haben, finden wir keine früheren Mediziner im Stammbaum des Arztes, keine überlieferte Praxisübernahme, keine Sammelleidenschaft oder sonst einen «natürlichen» Weg, auf dem die älteren Instrumente in den Besitz des jüngeren Arztes gekommen sein könnten. Bei häufigen Familiennamen kann dabei nur schon die Genealogie zum Problem werden.

Aber das ist hier zum Glück nicht der Fall, obschon der eingetragene Donator Meyer hiess: Carl Meyer-Hürlimann war der letzte Arzt aus einer Familie, die in Zürich sechs Generationen von Medizinern hervorgebracht hatte. Der erste von ihnen war nachweislich ab 1740 in Zürich tätig, was sich in etwa mit dem chronologischen Beginn dieser Schenkung deckt.

Früher hielt man namensgleiche Familien in Zürich im Alltag nach den Namen ihrer Häuser auseinander. Wegen dem Haus «zur Rose» wurden diese Meyers zunächst gerne «Rosenmeyer» genannt. Nach dem Kauf des Hauses «zum Felsenegg» 1817 wurde aber nach und nach die Bezeichnung «Meyer vom Felsenegg» üblich.

Die «Rosenmeyer» und das Medicinisch-chirurgische Institut

Die medizingeschichtlich grösste Bedeutung hatten wohl die 2. und 3. Ärztegeneration dieser Familie, da sie massgeblich an der Gründung und dem Betrieb des Medicinisch-chirurgischen Instituts (MCI) in Zürich beteiligt waren. Dieses nahm 1782 den Betrieb als Privatinstitut auf, gut 50 Jahre vor der Universität Zürich, und hatte zum Ziel, jungen Männern7 aus der Region den Einstieg in die praktische Medizin zu ermöglichen und die ambitionierteren davon auf ein auswärtiges Medizinstudium vorzubereiten.8 Das Kursangebot war thematisch erstaunlich vielseitig, da viele Studierende noch die Grundzüge einer Gymnasialausbildung nachholen mussten.


7: Zur medizinischen Ausbildung waren damals nur Männer zugelassen. Frauen konnten maximal Hebammen werden, deren Ausbildung schon länger staatlich organisiert war, deren Tätigkeit aber den Einsatz chirurgischer Instrumente grundsätzlich ausschloss. Diese blieb den Schnitt- und Hebärzten vorbehalten. Erst die 1833 gegründete Universität Zürich spielte eine Vorreiterrolle beim Frauenstudium, auch in der Medizin, vgl. Webseite.
8: Geschichte des MCI ausführlich in Leisibach 1982.

Abb.5
Abb. 5: Broschüre zur Ankündigung des «Medicinisch-chirurgischen Instituts» in Zürich 1782.

© Ankündigung eines in Zürich neu errichteten medicinischen und chirurgischen Instituts. Zürich : bey Orell, Gessner, Füssli und Comp., 1782. Zentralbibliothek Zürich, Md X 328, https://doi.org/10.3931/e-rara-85625 / Public Domain Mark

Nach der französischen Besetzung Zürichs 1799 und der Neuordnung der politischen Verhältnisse wurde das MCI 1802/03 offiziell vom «Privat-» zum «Cantonalinstitut» erhoben und mit einem kleinen Budget bedacht. Über seine ganze Zeit waren Ärzte aus der Familie Meyer als Lehrer am MCI tätig. Insbesondere die praktische Chirurgie wurde von der Gründung 1782 bis zum Ende 1832 durchgängig von einem Vater-und-Sohn-Gespann gelehrt. Daneben wurden zeitweise auch Pharmazie und Geburtshilfe von weiteren Mitgliedern der «Rosenmeyer» unterrichtet.

Als 1833 in Zürich schliesslich doch noch eine Universität mit Medizinischer Fakultät gegründet wurde, löste man das MCI auf und überliess ihr deren Räume, Bücher und Sammlungen – soweit sie kantonales Eigentum waren. Da die Universität den wissenschaftlichen Anspruch und die «Internationalität» deutlich höher bewertete, blieben bei der Besetzung der Lehrstühle die früheren Lehrer des MCI unberücksichtigt.9 Und um den neuen Professoren auch klinischen Unterricht zu ermöglichen, wurden ihnen zusätzlich die entsprechenden Anstellungen an den Spitälern der Stadt übertragen. So wichtig die Universität für den Standort Zürich auch war, die örtliche Ärzteschaft bekam anfangs vor allem Nachteile zu spüren.


9: Immerhin sechs von ihnen konnten zumindest als ausserordentliche Professoren oder Privatdozenten an der Universität lehren.

Eine Erklärung für die besonderen Instrumentenetuis

Aber zurück zum MCI. Nach Reglement kochte das Institut anfangs auf ganz kleiner Flamme. Ohne staatliche Finanzierung wurde vieles möglichst einfach und auf persönlicher Ebene organisiert.

Abb.6
Abb. 6: (Selbst)-Verpflichtung von Johann Conrad Meyer-Bodmer (1747-1813) in der «Ankündigung des MCI 1782, Seite 12.

© Ankündigung eines in Zürich neu errichteten medicinischen und chirurgischen Instituts. Zürich : bey Orell, Gessner, Füssli und Comp., 1782. Zentralbibliothek Zürich, Md X 328, https://doi.org/10.3931/e-rara-85625 / Public Domain Mark

Die Lehrer zogen zu Beginn des Semesters ihr Kursgeld persönlich von den Studenten ein, hatten dafür aber auch das Anschauungsmaterial bereitzustellen. Das MCI besass anfangs keine eigenen Sammlungen und auch später nur in eingeschränktem Ausmass – darüber aber mehr in einem anderen Beitrag.  Wer am MCI Unterricht erteilte, der musste auch die entsprechenden Geräte vorzeigen können. Im Fall von Johann Conrad Meyer-Bodmer waren das explizit «die zu den Operationen nöthigen Instrumente und Bandages» (Abb. 6). Für den praktischen Unterricht in der Geburtskunde stellte er sogar eine Ausbildung an einem «Fantome» in Aussicht, musste sich also ein solches beschafft haben.

Abb.7
Abb. 7: Der «harte Kern» eines geburtshilflichen Phantomes aus dem Besitz der Familie der «Rosenmeyer», MHSZ 3853. Leder und Polstermaterial gingen seither verloren.

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Das Objekt MHSZ 3853 (Abb. 7) ist der Rest eines geburtshilflichen Phantoms, das um ein natürliches weibliches Becken herum aufgebaut war.10 Die Polsterung und den Lederbezug muss man sich heute dazu denken. Immerhin trug es noch das handschriftliche Etikett «Geschenk Dr. Meyer-Hürlimann 1926». Dieser selbst war aber weder Gynäkologe noch Geburtshelfer und war auch nie in der entsprechenden Ausbildung beschäftigt. Deshalb ist zu vermuten, dass es sich dabei um den Rest jenes Phantomes handelt, welches sein Ururgrossvater Johann Conrad Meyer-Bodmer (1747-1813) für seine geburtshilflichen Kurse am MCI benutzte.

Parallel dazu schliessen wir auch, dass die chirurgischen Etuis mit erkennbarem didaktischem Charakter aus dem Erbe dieser Familie ursprünglich als Anschauungsmaterial für den Unterricht am MCI geschaffen worden waren.11 Diesen Verdacht haben wir letztes Jahr bereits zum Akupunktur-Etui geäussert [siehe «Lost in Translation»], dort aber nicht näher ausgeführt.

Die Ablehnung, welche die «Rosenmeyer» 1833 von der Universität erfahren hatten, hat sie offenbar vier Generationen lang davon abgehalten, ihre einst teuer aus eigenen Mitteln erworbenen Instrumente und Lehrmittel einfach so der Universität zu überlassen. Als sie 1926 schliesslich der Medizingeschichtlichen Sammlung von G.A.Wehrli geschenkt wurden, war diese zwar in den Räumen der Universität Zürich aufgestellt, aber allein das private Projekt Wehrlis, der dieses zudem als «Schweizerisches Museum» verstanden haben wollte und zu etablieren suchte. 1926 war er sogar aktiv auf der Suche nach einer nationalen Trägerschaft dafür, die er aus der Ärzteschaft zu rekrutieren hoffte. Erst als sich eine solche nicht formieren wollte, während ihm sein Museum über den Kopf wuchs, liess er sich 1932 auf die Übernahme der Sammlung durch die Universität Zürich ein.

Nur so kam schliesslich zusammen, was rechtlich nie zusammengehört hatte, wohl aber entwicklungsgeschichtlich. Die historischen Hintergründe der «Rosenmeyer’schen» Instrumentensammlung waren bei der Schenkung 1926 weitgehend vergessen und die folgenden 90 Jahre lang versanken sie nur noch tiefer im Dunkel. Erst die 2015 begonnene Re-Inventarisierung der Sammlung bringt langsam Licht in die Sache. Wir fangen heute gerade erst an, das Ausmass dieses wissenschaftsgeschichtlichen Glückfalls schätzen zu lernen und sind gespannt, auf was wir dabei noch stossen werden!


10: Das Objekt wird deswegen mittlerweile in den Human Remains Collections des IEM aufbewahrt.
11: Neben chirurgischen Instrumenten war auch die Vorführung passender «Bandagen» angekündigt. Solche besitzen wir auch in der Sammlung, aber sie benötigen eine nähere Einführung als hier möglich ist. Eine solche ist für eine kommende Objektvorstellung geplant.

Ein Nachtrag zur «falschen Fliete»

Da nicht anzunehmen ist, dass die «Rosenmeyer» 1833 noch ein neues didaktisches Etui in Auftrag gegeben haben, lässt sich dessen Entstehung noch etwas enger eingrenzen, als weiter oben angegeben, nämlich auf die gut 15 Jahre zwischen 1817 und 1832.

Zunächst war es für uns eine Enttäuschung, dass die «deutsche Fliete» im Etui MHSZ 2801 kein Original aus der Zeit um 1700 ist, sondern eine mässig getreue Nachempfindung um 1820.  Alte Aderlassflieten für die Humanmedizin sind eben nicht viele bekannt. Die wenigen «Flieten» auf dem Antikmarkt sind meistens doppelt so gross und noch gröber gearbeitet, als unsere 200 Jahre alte Replik, und das hat seinen Grund: Realiter stammen sie fast immer aus dem Veterinärwesen.12

Aber aus anderer Warte betrachtet, macht das unsere «falsche Fliete» auch wieder besonders. Sie ist der physische Beweis dafür, dass im Chirurgieunterricht in Zürich um 1820 durchaus auch Medizingeschichte thematisiert wurde, wofür man bei Bedarf sogar Rekonstruktionen anfertigen liess. Und wenn wir heute dabei den einen oder anderen Fehler zu bemerken glauben, so bestätigt das lediglich die beruhigende Erkenntnis, dass wir alle nur mit Wasser kochen.


12: Vgl. auch das in WIKIPEDIA abgebildete Stück und die angegebenen Masse. Ins Veterinärwesen gehört ganz besonders die Verwendung eines Schlägels.

Literatur