Navigation auf uzh.ch

Suche

Medizinische Sammlung

«Übung macht den Augenarzt» – Lernen durch Spiele

In diversen Berufen erlernt man seine Fertigkeiten durch spielerische Formate. Auch in der Medizin werden Spiele angewendet, um sich gewisse Kompetenzen, Fähigkeiten oder Geschicklichkeit anzueignen. Gerade im Bereich der Chirurgie – ein Wort, das übrigens vom griechischen Begriff «χειρουργία / cheirurgía» für Handwerker stammt – ist es von grosser Bedeutung, dass man eine sichere Hand für Eingriffe aufweist.

Nintendo® Wii™, mehr als eine reine Spielkonsole

Die Studie «Play to Become a Surgeon: Impact of Nintendo WII Training on Laparoscopic Skills»1 aus dem Jahr 2013 untersuchte den Einfluss eines vierwöchigen strukturierten Nintendo® Wii™2 Trainings auf die laparoskopischen3 Fertigkeiten durch die Analyse von Leistungskennzahlen mit einem validierten Simulator der Laparoskopie4.

Die Studie wurde an 42 angehenden Assistenzärzten für Allgemein-, Gefäß- und endoskopische Chirurgie durchgeführt. Alle Teilnehmer wurden im Rahmen einer ersten Testsitzung an einem validierten Simulator getestet und dann in zwei Gruppen mit jeweils 21 Probanden unterteilt.

  • Gruppe 1: Kontrollgruppe ohne Training mit dem Nintendo® Wii™
  • Gruppe 2: Training mit dem Nintendo® Wii™

Nach vier Wochen durchliefen alle Probanden eine zweite Testsitzung am validierten Simulator mit den gleichen Aufgaben wie in der ersten Testsitzung. Dabei verbesserten sich alle 42 Testpersonen in beiden Gruppen von der ersten zur zweiten Sitzung signifikant. Im Vergleich zur Gruppe 1 zeigte die Gruppe 2 bei 13 der 16 betrachteten Leistungskennzahlen eine signifikante Verbesserung (Unter anderem Verbesserung der Fähigkeiten für laparoskopische Grundfertigkeiten als auch für die vollständige virtuelle Gallenblasenentfernung).

Die Studie kam zum Schluss, dass die Nintendo® Wii™ Spielkonsole ein hilfreicher, kostengünstiger und unterhaltsamer Teil der Ausbildung junger Chirurgen im Bereich der Laparoskopie sein könnte – natürlich als Zusatz zu einer chirurgischen Standardausbildung, die auf Simulatoren und dem Operationssaal basiert.
 

1: Giannotti D, Patrizi G, Di Rocco G, Vestri AR, Semproni CP, Fiengo L, et al. (2013) Play to Become a Surgeon: Impact of Nintendo WII Training on Laparoscopic Skills. PLoS ONE 8(2): e57372. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0057372.
2: Spielkonsole Nintendo® Wii™: https://de.wikipedia.org/wiki/Wii.

3: Die laparoskopische Chirurgie ist ein Teilgebiet der Chirurgie, bei der mit Hilfe eines optischen Instrumentes (Laparoskop: spezialisiertes Endoskop zur Durchführung einer Laparoskopie/Bauchspiegelung sowie laparoskopischer und minimal-invasiver Operationen) und ggf. weiteren Instrumenten Eingriffe innerhalb der Bauchhöhle vorgenommen werden.
4: Als Beispiel eines solchen Simulators kann zum Beispiel der VirtaMed LaparoS™ der Schweizer Firma VirtaMed genannt werden.

Abb. 1: Federspiel zum Training der Fingerfertigkeiten in Holzkästchen, Inventarnummer 17336.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Unser Objekt: «Federspiel» zum Training der Fingerfertigkeiten

In unsere Sammlung haben wir ein Federspiel (Vgl. Abb. 1 und 2).

Bei diesem Spiel handelt es sich um einen Vorläufer des heute bekannten Mikado-Spiels. Es ist ein Geschicklichkeitsspiel, bei welchem Stäbe mit verschiedenen Farben/Motiven5 (Vgl. Abb. 3) gebündelt aus der Hand auf eine glatte Spielfläche (Tisch oder Boden) fallen gelassen werden. Wenn die Stäbe dann chaotisch übereinander auf der Spielfläche liegen, muss jeder Spieler einen Stab wegnehmen, ohne dabei andere Stäbe zu bewegen. Sind alle Stäbe abgeräumt, so gewinnt der Spieler mit den meisten Punkten.

Um das Spiel zu gewinnen, braucht es grosse Fingerfertigkeiten und eine sichere Hand – das ideale Training für den ehemaligen Besitzer des Federspiels, den Augenarzt Dr. med. Albrecht Theodor Bänziger (1859-1939).

5: Jede Farbe, jedes Motiv hat einen anderen Wert.

Abb. 2: Federspiel zum Training der Fingerfertigkeiten in Holzkästchen. Teile der Spielfedern rausgenommen, Inventarnummer 17336.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Abb. 3: Detailaufnahme von einigen Spielfedern, Inventarnummer 17336.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Der Augenarzt Dr. med. Albrecht Theodor Bänziger (1859-1939)

Albrecht Theodor Bänziger wurde am 18. Juli 1859 in Altstätten (St. Gallen) geboren. Er war das Kind von Jakob Theodor Bänziger (1828-1898) und Emilie Bänziger (1837-1897). Sein Vater Jakob Theodor Bänziger absolvierte von 1846 bis 1850 das Medizinstudium an der Universität Zürich6 und war ein Freund und Studienkollege von Johann Friedrich Horner7 (1831-1886).

Horner war der erste Direktor der ersten Universitäts-Augenklinik der Schweiz, welche 1862 am Zürcher Kantonsspital entstand. Ausserdem war Horner der Erste, der die Augenheilkunde an der Universität Zürich als eigenständige Disziplin unterrichtete. 1873 folgte die Ernennung zum ordentlichen Professor der Augenheilkunde. Zwischen 1856 und 1885 dozierte Horner ausserdem zahlreiche Lehrveranstaltungen an der medizinischen Fakultät der Universität Zürich.8
Ein grosser Verdienst von Horner für die Augenheilkunde in der Schweiz war die Einführung der Antisepsis bei der Behandlung von Augenkrankheiten.

Nun aber wieder zurück zu unserem Protagonisten Dr. med. Albrecht Theodor Bänziger. Er studierte zwischen 1878 und 1881 an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich und schloss am 12. März 1881 mit Zeugnis ab. Danach ging er an die Universität Heidelberg, war aber bereits 1882 wieder an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich immatrikuliert, wo er am 11.08.1883 mit Zeugnis abschloss.9

Zwischen 1882 und 188610 war er als Arzt am Kantonsspital St. Gallen tätig.
1887 übernahm er die Arztpraxis von Prof. Dr. med. Johann Friedrich Horner an der Billrothstrasse 15 in Zürich und betrieb dort bis etwa 1930 eine «Augenheilanstalt».

1887 schrieb Bänziger im Correspondenz-Blatt für Schweizer Ärzte einen Nachruf11 auf seinen Lehrer Dr. med. Johann Friedrich Horner, welcher am 20. Dezember 1886 verstorben war.

Bänziger war der letzte Assistent von Horner vor seinem Tod. Am 28. Oktober 1886 hatte Bänzigers Vater, Jakob Theodor Bänziger, einen Brief an Horner geschrieben, in welchem er der Freude über die Zusammenarbeit zwischen seinem Sohn und Horner Ausdruck verlieh: «Mögst Du [Friedrich Horner] an unserem Theo [Albrecht Theodor Bänziger], der glücklich ist, nun ganz für Dich und mit Dir arbeiten zu können, eine zuverlässige Stütze und Hilfe haben!»12 Dieser Brief erreichte Horner nur wenige Monate vor dessen Tod am 20. Dezember 1886 und es war Albrecht Theodor Bänziger leider nicht vergönnt noch mehr Zeit mit seinem Mentor Horner zu verbringen.

1893 heiratete Albrecht Theodor Bänziger Anna Catharina «Nina» Ganzoni (1869-1937). Aus dieser Ehe entstanden zwei Kinder. Sohn Hans Conrad Bänziger (1895-1956) war Arzt und Psychiater in der Klinik Burghölzli13 und arbeitete dabei im Umfeld von Carl Gustav Jung14 (1875-1961). Tochter Marta Emilie «Emy» Bänziger (1894-1964) war Ärztin und wohnte an der Billrothstrasse 15 in Zürich – sehr wahrscheinlich praktizierte sie auch dort als Ärztin.

Am 23. Mai 1939 starb Dr. med. Albrecht Theodor Bänziger in Zürich.

6: Matrikelnummer 1153, Universität Zürich.
7: Biografie Johann Friedrich Horner, Historisches Lexikon der Schweiz.
8: Historische Vorlesungsverzeichnisse, Universität Zürich.
9: Matrikelnummer 5499 und 6385, Universität Zürich.
10: Er gab diese Stelle im Verlauf des Jahres 1886 auf, da er im selben Jahr der letzte Assistenz von Dr. med. Friedrich Horner war.
11: Bänziger jun. Theodor: Friedrich Horner. Ein Nachruf, In: Baader, Arnold / Garrè, C. (Hrsg.): Correspondenz-Blatt für Schweizer Ärzte, Jahrgang XVII, 1887, No. 7, 1. April. Benno Schwabe Verlagsbuchhandlung, Basel 1887, Seite 193-210.
12: Bader, Alfred: Entwicklung der Augenheilkunde im 18. und 19. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Schweiz, Basel 1933, Seite 204.
13: Zeitreise, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich.

14: Biografie Carl Gustav Jung, Historisches Lexikon der Schweiz.

Abb. 4
Abb. 4: Vorderseite des Abzeichens «Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft Jena 1922», Inventarnummer 17585.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Exkurs: Dr. med. Albrecht Theodor Bänziger als Pionier

2010 verfasste Balder P. Gloor15 eine Arbeit16 mit dem Titel «Theodor Bänziger jr. (1859-1939), Pionier des Verständnisses der Mechanik des akuten Glaukoms und der Wirkung der Iridotomie – und der lange Weg bis zur Akzeptanz des Pupillarblocks als Auslöser akuter Winkelblockglaukome»17.

Gloor bezieht sich in dieser Arbeit auf die von Dr. med. Albrecht Theodor Bänziger im Jahr 1922 erschiene Arbeit «Die  Mechanik des akuten Glaukoms und die Deutung der Iridektomie-Wirkung bei demselben»18, über welche Bänziger am 43. Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft 1922 in Jena19 referierte – Ein Abzeichen aus unserer Sammlung, welches von Dr. med. Albrecht Theodor Bänziger getragen wurde, ist ein Erinnerungsstück an diesen Kongress (Vgl. Abb. 4).

Gloor erwähnt in seiner Arbeit, dass die «bildliche Darstellung der Pathophysiologie des akuten Pupillarblock-/Winkelblockglaukoms und des Ausgleichs des Druckes zwischen Hinter- und Vorderkammer mittels kleiner Iridektomie»20 noch heute unverändert gültig ist und seine Arbeit erst dreissig Jahre später als Pionierleistung gewürdigt wurde, unter anderem vom amerikanischen Glaukom-Spezialisten Paul A. Chandler21 (1896-1987).

Chandler verwendet in seinem Artikel «Narrow-angle Glaucoma»22 von 1952 die von Albrecht Theodor Bänziger erstellten Abbildungen aus der Publikation «Die  Mechanik des akuten Glaukoms und die Deutung der Iridektomie-Wirkung bei demselben» aus dem Jahr 1922. 1977 folgt mit dem Artikel «Progress in the treatment of glaucoma in my lifetime»23 die endgültige Würdigung durch den Glaukom-Spezialisten Paul A. Chandler.

15: Baldur Roland Peter Gloor (geboren 30.03.1932). Augenarzt und ehemaliger Vorsteher der Universitäts-Augenklinik Basel sowie früherer Direktor der Universitäts-Augenklinik Zürich. Vgl. Biografien auf Wikipedia und Geschichte 150 Jahre Universitäts-Augenklinik Zürich.
16: Arbeit aus der Augenklinik und aus dem Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich.
17: Gloor, Balder P.: Theodor Bänziger jr. (1859-1939), Pionier des Verständnisses der Mechanik des akuten Glaukoms und der Wirkung der Iridotomie – und der lange Weg bis zur Akzeptanz des Pupillarblocks als Auslöser akuter Winkelblockglaukome, In: Krogmann, F: Mitteilungen der Julius-Hirschberg-Gesellschaft zur Geschichte der Augenheilkunde. Königshausen & Neumann, Würzburg 2010, Seite 177-226.
18: Bänziger jun. Theodor: Die Mechanik des akuten Glaukoms und die Deutung der Iridektomie-Wirkung bei demselben, In: Bericht Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft, Band 43, 1922, Seite 43-48; Diskussion S. 55.
19: Der Kongress dauerte vom 8. Bis 10. Juni 1922 und fand erstmals in der Geschichte der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) nicht in Heidelberg, sondern in Jena statt. Vgl  Geschichte der DOG.
20: Gloor 2010: Seite 178.
21: Biografie Paul A. Chandler, Harvard University.
22: Chandler, Paul A.: Narrow-angle glaucoma, In: AMA Archives of Ophthalmology, Volume 47, Number 6, June 1952, Seite 695-716.
23: Chandler, Paul A.: Progress in the treatment of glaucoma in my lifetime, In: Survey of Ophthalmology, Volume 21, Issue 5 (March-April 1977), Seite 412-428.

Zurück zum «Federspiel»

Dr. med. Albrecht Theodor Bänziger spielte sein Leben lang mit seinen Kindern und Enkeln das Federspiel. Die meisten Partien konnte er bis ins hohe Alter gegen seine wesentlich jüngeren Kontrahenten gewinnen und es war für ihn eine schöne Gelegenheit, wertvolle Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Gleichzeitig gab es ihm aber auch die Möglichkeit, seine Fingerfertigkeiten und die sichere Hand zu trainieren. Es war eine ideale Trainingseinheit, um die Fertigkeiten zu erhalten, die er als Augenarzt bei chirurgischen Eingriffen täglich brauchte.24

Was der Ball für den Fussballer ist, ist das Federspiel für den Augenarzt. Beides sind Objekte, die helfen, die gewünschten Fertigkeiten zu verbessern bzw. diese durch das ständige Training aufrecht zu erhalten. Und bei beiden gilt das Sprichwort «Übung macht den Meister» oder, in unserem Fall, «Übung macht den Augenarzt». Oder um es mit anderen Worten im Zusammespiel mit unserem Tennisidol Roger Federer zu sagen: «Was ein Testspiel für Federer ist, war das Federspiel für Bänziger».

24: Mündliche Überlieferung vom Nachkommen von Dr. med. Albrecht Theodor Bänziger.

Weitere Objekte aus dem Nachlass Bänziger in unserer Sammlung

Dank der Grosszügigkeit der Erben von Albrecht Theodor Bänziger besitzen wir in unserer Sammlung eine grosse Zahl an interessanten Objekten aus seinem Nachlass. Hier zwei Beispiele:

Abb. 5
Abb. 5: Spritzenset TABLOID, Inventarnummer 17198.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Abb. 6
Abb. 6: Probiertrommel für augenchirurgische Instrumente, Inventarnummer 17230.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Unterseiten