Welt-Hirntumor-Tag – Das Mikrotommesser nach Gudden-Katsch

Einleitung

Heute am 8. Juni findet der Welt-Hirntumor-Tag (World Brain Tumor Day) statt.

Er wurde im Jahr 2000 von der Deutschen Hirntumorhilfe initiiert und findet dieses Jahr zum 20. Mal statt. Das Symbol der Solidarität mit Betroffenen an diesem internationalen Aktionstag ist die graue Schleife.

Ziel des Aktionstages ist es, die Bevölkerung auf zentrale Themen aufmerksam zu machen, die sich mit der Erkrankung an einem Hirntumor verbinden: die Solidarität mit Patienten und Angehörigen, der Stand der Forschung, das Angebot an Therapien. Zugleich verbindet sich damit auch ein Appell an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, die Forschung und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu unterstützen, um die Therapiemöglichkeiten für diese vergleichsweise seltene Krebserkrankung zu verbessern. (www.hirntumorhilfe.de/service/links/internationale-organisationen/)

Zum Thema Hirntumor haben wir zurzeit kein Objekt in der Sammlung, welches eine ausführlichere Vorstellung erlaubt. Das könnte sich zwar bald ändern, aber um den Jubiläumstermin vom 8. Juni 2020 einzuhalten, stellen wir ein Gerät vor, das die Forschung an Anatomie und Pathologie von Gehirnen seinerzeit einen bedeutenden Schritt voranbrachte.

DAS MIKROTOMMESSER NACH GUDDEN-KATSCH

8827
Abb. 1: Das Miktommesser nach Gudden-Katsch mt Etui, Inventarnummer 8827.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Beschreibung

Ein fast 60 Zentimeter langes Messer mit gerader, hohlgeschliffener Klinge und kleinen Holzgriffen an beiden Enden. Ein dazu passendes Etui ist mit violettem Samt ausgeschlagen und trägt den goldenen Aufdruck «KATSCH IN MÜNCHEN» (Vgl. Abb. 1). Es dürfte nach 1873 aber vor 1888 hergestellt worden sein.

Funktionsweise

Das Messer wurde entworfen, um ganze menschliche Gehirne in Scheiben zu schneiden und war ein frei bewegliches, aber zentrales Element eines Mikrotoms nach Gudden. Dessen Basis bestand aus einem seichten Blechbecken, das wie ein kleiner Tisch frei auf Beinen stand. In der Mitte eingesenkt befand sich eine zylindrische Halterung, in der ein Gehirn von unten stufenlos über die Oberkante der Tischplatte hochgefahren werden konnte. Stand es in der gewünschten Schichtdicke über, führte man das Messer auf der Oberseite der Platte gleitend mit freier Hand durch das Hirn hindurch und löste so eine entsprechend starke Scheibe ab. Damit dabei nichts riss oder verklebte, füllte man das Becken bis zur Oberkante der Probe mit Wasser und führte den Schnitt unter der Oberfläche aus.

Namensgeber I: Bernhard Gudden

Johann Bernhard Aloys Gudden (1824-1886) war ein Psychiater der Vor-Freud-Ära. Von 1869 bis 1873 wirkte er hier in Zürich als erster Direktor der neuen psychiatrischen Anstalt Burghölzli und als erster Ordinarius für Psychiatrie an der Universität. 1873 wechselte er in vergleichbare Ämter in München und machte dort weiter Karriere.

Wie viele Psychiater seiner Zeit interessierte er sich für Anatomie und Pathologie des Gehirns. Da die damals vorhandenen Mikrotome keine vollständigen Hirnschnitte erlaubten, macht er sich 1873 an die Konstruktion eines solchen Gerätes und suchte sich geeignete Partner für die Konstruktionsarbeit und die Testreihen.

Heute ist Prof. Gudden auch ausserhalb der Psychiatrie nicht ganz unbekannt. Er war einer der drei Gutachter, mit deren Urteil die Entmündigung König Ludwig II. von Bayern per 9. Juni 1886 begründet wurde. Und er war jener Psychiater, der wenige Tage danach den entmachteten König auf jenem fatalen Spaziergang begleitete, bei dem beide unter dubiosen Umständen ums Leben kamen.1

1: https://www.hdbg.eu/koenigreich/index.php/themen/index/herrscher_id/7/id/43

Namensgeber II: Hermann Katsch

Für das Mikrotom holte sich Gudden die technische und mechanische Expertise des chirurgischen Instrumentenmachers Hermann Katsch (1837-1891), der seit 1865 eine Firma in München führte. Als Gegenleistung erhielt er offenbar die Vermarktungsrechte für die Mikrotome und Messer, die mind. bis 1906 im Angebot der Firma2 blieben. Diese ermöglichten zwar ab 1874/1875 die Herstellung von Schnittserien durch ganze Hirne, nahmen dem Operateur aber keine Arbeitsschritte ab. Erst spätere Modelle anderer Hersteller automatisierten und stabilisierten Schnitt und Probenvorschub ganzer Hirne.

2: Preisverzeichnis der Firma Katsch von 1906, S. 30.

Der Vergessene: Auguste Forel

Anstatt das in Entwicklung begriffene Mikrotom mit einer automatisierten Mechanik zu komplizieren, nutzte Gudden die Vorzüge seiner beruflichen Stellung als Professor und delegierte die Testarbeit an seinen «Präparätchenassistenten»3. Dafür wähle er den jungen Auguste Forel (1848-1931), den er in Zürich für die Psychiatrie begeistert hatte und der ihm mit dem Ziel der Habilitation im Dezember 1873 nach München gefolgt war. Als Hauptnutzer des Gerätes hatte er wichtiges Feedback zu bieten und einen gewissen Einfluss auf dessen Entwicklung. Forel erinnerte sich besonders an das Messer:

«… ich erklärte Gudden, … das Messer müsse recht schwer mit breitem Rücken und auf der einen, dem Präparat beim Schneiden zugekehrten Seite hohl geschliffen sein. Gudden sah auch das ein, und Katsch gelang es nach mehreren Versuchen, ein solches Messer anzufertigen. Damit waren die Schwierigkeiten behoben, und so gelang mir, eine erste feine mikroskopische Schnittserie durch das ganze menschliche Gehirn anzufertigen, was bis jetzt noch nie geschehen war …»4

Forel war auch von anderen wichtigen Komponenten überzeugt, sie gingen auf seine Vorschläge zurück, und aus seiner Anmerkung, dass letztlich andere Personen für das Gerät Pate standen, kann man eine gewisse Enttäuschung herauslesen.5 Wie auch immer: Die Entwicklung des Mikrotoms verlief über mehrere Stadien und nahm gut vier Jahre in Anspruch. Die definitive Version des «Mikrotoms nach Gudden» wurde wohl nicht ganz zufällig in Forels Habilitationsschrift von 1877 abgebildet und beschrieben.

3: Forel 1935, S. 73.

4: Forel 1935, S. 73-74.

5: Gudden und Katsch werden sich wohl etwas anders daran erinnert haben.

Wo ist «Forels Mikrotom»?

Als Forel 1879 nach Zürich zurückkehrte, um als Guddens Nachnachfolger die Direktion des Burghölzlis zu übernehmen, richtete er sich dort ein hirnanatomisches Laboratorium ein, das auch über ein Mikrotom nach Gudden verfügte.6 Dessen Spur verliert sich aber rasch.

Im Dezember 1975 gelangte ein Grafiker, der damals die neue 1000-Franken-Note entwerfen sollte, mit der Bitte an die Sammlungsleitung, das «Mikrotom von Forel» sehen zu dürfen. Die Sammlungsverantwortlichen fielen aus allen Wolken, denn sie hatten noch nie davon gehört. Aber der Grafiker bestand darauf, ein früherer Professor habe ihm am Telefon versichert, das Mikrotom befände sich in der Medizinischen Sammlung. Aber selbst unter Mithilfe aller langjähriger Mitarbeiterinnen liess sich weder das Gerät finden noch irgendetwas darüber erfahren.

Seither ist dieses Gerücht nicht mehr totzukriegen. Wir können nur versichern, dass sich in unserer Sammlung kein Mikrotom nach Gudden befindet, kein Mikrotom aus dem Burghölzli zu uns gekommen ist und wir keine diesbezüglichen Dokumente kennen. Falls das Gerät nicht schon vor 100 Jahren entsorgt wurde, schliessen wir aber nicht aus, dass es mit einer Deckplatte versehen als unauffälliger Arbeits- oder Beistelltisch auf dem Klinikareal herumstehen könnte.

6: Forel 1935, S. 114.