Wenn der «Hebammenstempel» versagt …

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Abb. 1: Kehlkopftubus für Neugeborene nach Chaussier, Inventarnummer 17615.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Wir hatten zunächst Mühe, Funktionsweise und Zweck dieses kleinen, aus Silber gearbeiteten «Katheters» mit der Inv.Nr. 17615 zu bestimmen. Anhand der Web-Präsentation eines Vergleichsstücks (https://www.woodlibrarymuseum.org/museum/item/934/chaussier-laryngeal-tube) fanden wir zwar endlich auf die korrekte Spur, eine saubere Referenzangabe gestaltet sich aber noch immer schwierig.

Der angesehene französische Mediziner und Anatom François Chaussier (1747-1828) hinterliess ein umfangreiches und vielseitiges medizinisches Werk. Als er 1804 zum Leiter der Entbindungsanstalt in Paris ernannt wurde, wandte er sich erneut einem Problem zu, das er 1781 nicht befriedigend hatte lösen können.

Ein entscheidender Moment bei der Geburt ist der erste Atemzug eines Neugeborenen. Falls sich dieser nicht von selbst ergibt, hilft meistens der berühmte Klaps auf den Hintern, um den Atemreflex in Gang zu bringen. Aber was tun, wenn dieser «Hebammenstempel» ohne Wirkung bleibt? 1781 diskutierte Chaussier Vor- und Nachteile verschiedener mechanischer und chemischer Reize, wobei er sich einiges vom Zuführen von künstlich erzeugtem Sauerstoff versprach.1 Die praktische Umsetzung erwies sich als weniger trivial als gedacht. Vor dem ersten Atemzug enthalten die Lunge und Atemwege keine Luft und sind mit Schleim verklebt. Bläst man einfach in Mund oder Nase, direkt oder mit einem irgendwie eingeschobenen Röhrchen, so füllt sich eher der Magen mit Luft als die Lunge, oder der Luftstrom entweicht wirkungslos durch die Stimmritze zurück in die Nasenhöhle.

1: Vgl. Stofft 1997, S. 342-344.

Kehlkopftubus nach Chaussier zur Beatmung Neugeborener

Nach seiner Amtsübernahme an der Maternité 1804 setzte sich Chaussier offenbar näher mit dem anatomischen Aufbau der Atemwege auseinander und entwickelte schliesslich ein kleines Röhrchen aus Silber (T, vgl. Abb. 2), das er anfangs auch mal «sonde de Larynx» nannte, meistens aber «tube lanryngien».

Grafik
Abb. 2: Grafik auf Falttafel.Vgl. Fussnote 3.

T = Tubus
T’ = angelötete, ovale Blechscheibe mit weicher Umrandung aus Schwamm, Pilz  oder Büffelleder
T’’ = längliche Luftöffnungen
U = Reinigungsstab aus Draht

Vor dem vorsichtigen(!) Einführen sollte der Weg bis zur korrekten Position mit dem kleinen Finger ertastet werden. Die Luftöffnungen T’’ an der Spitze sollten kurz unterhalb der Stimmritze in der Luftröhre zu liegen kommen. Die weich gepolsterte Scheibe T’ in der Biegung dichtete – einmal mit Flüssigkeit getränkt – von oben her den Kehlkopf ab und verhinderte das Zurückschlagen der eingeblasenen Luft. Der Querschnitt am hinteren Ende des Tubs war hochoval, damit sich seine korrekte Ausrichtung beibehalten liess, obschon er grösstenteils im Neugeborenen verborgen lag.

Zugänglichkeit der Publikationen

Chaussier stellte das Instrument am 16. Juni 1806 anlässlich der feierlichen Hebammenabschlüsse in Paris öffentlich vor. Sein Referat wurde im Sitzungsprotokoll ausführliche festgehalten, ging als solches aber nicht in Druck und wurde erst von Stofft 1997 in längeren Auszügen zitiert. Von den offenbar 1808 und 1818 erschienen Separata2 konnten wir kein Exemplar lokalisieren, weshalb wir für die Zeichnung auf eine überarbeitete Ausgabe von 18363 zurückgegriffen haben.

Hier ist der Bericht über das Gerät einer einer posthum(?) erschienen Abhandlung über Vergiftung und Gegengifte angehängt. Die Bänderung des Geräts in der Darstellung hebt eine 1836 vorgeschlagene Neuerung der Tubus hervor, der hier wechselweise aus Zink und Silber gefertigt ist. Diese sogenannte «laryngien galvanique» sollte wie eine galvanische Batterie für eine elektrische Reizung der Atemwege sorgen und so zum belebenden Effekt beitragen.

1862 führte Charrière ein Tascheninstrument im Angebot, dessen Teile sich je nach Bedarf als weiblicher oder männlicher Katheter oder eben als «tube laryngique» zusammenstecken liessen.4 In Frankreich konnte sich Chaussiers Instrument akso gut etablieren und blieb zwar nicht ohne Kritik, aber gut 70 Jahre lang ohne Alternative. Ausserhalb Frankreichs und insbesondere im deutschen Sprachraum war es offenbar deutlich weniger bekannt.

2: Chaussier, François: Secours à donner aux enfants, qui naissent sans offrir des signes de vie. Paris, 1808 und 1818.

3: Chaussier, Hector : Manuel pratique des contre-poisons ou Traitement des individus empoisonnés, asphyxiés, noyés ou mordus par des animaux enragés et des serpents ou piqués par des insectes venimeux : suivi des moyens de rappeler la vie dans les cas de mort apparente... (4e éd., corrigée et considérablement augmentée). Paris : Robert, 1836, Falttafel. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k9608004d/f345.item.zoom Bei Hector C. handelt es sich anscheinend um den Sohn des Erfinders.

4: Notice des instruments de chirurgie humaine et vétérinaire, appareils et coutellerie de la Maison Charrière, présentée à MM. Les membres du jury international de l’éxposition universelle de Londres. Paris : Chez J. Charrière, 1862, S. 14, Fig. 35.

Herstellungsmarken

Silber wurde im 18. und frühen 19. Jahrhundert vor allem wegen seiner geruchshemmenden Eigenschaften öfters für medizinische Instrumente verwendet. In diesem Fall sind sogar Garantie (Abb. 3)- und Meistermarke (Abb. 4) erhalten. Der Eberkopf garantiert seit 1838 den Edelmetallgehaltgehalt bei Silber aus Paris und zeigt, dass das Gerät mind. 20 Jahre nach dem Tod Chaussiers hergestellt wurde. Die Meistermarke konnte noch nicht sicher bestimmt werden.

Garantiemake
Abb. 3: Garantiemarke auf Kehlkopftubus für Neugeborene nach Chaussier, Inventarnummer 17615.

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Meistermarke
Abb. 4: Meistermarke auf Kehlkopftubus für Neugeborene nach Chaussier, Inventarnummer 17615.

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Literatur

  • Stofft, Henry : La mort apparente du nouveau-né en 1781 et en 1806, L'oeuvre de François Chaussier. Histoire des Sciences médicales, Tome XXXI, 1997, N° 3-4, S. 314-349.