Radiumtrinkapparat

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Abb. 1: Gefäss für Radium-Trinkkur, Inventarnummer 12903.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Beschreibung

Zylindrisches Metallgefäss auf rundem Standfuss, darüber ein pokalähnlicher Aufsatz mit Deckel und schwarz lackiertem Holzknauf. Die vier Schrauben zum Öffnen des Gefässes sind zum Schutz der enthaltenen Radiumquelle mit einem versiegelten Draht gesichert. Frontseitig sitzt auf der Mitte eine Messingplakette des Herstellers und unten ein Ablaufhahn mit konischem Hebel.

Funktionsweise

In Radiumtrinkgefässe wurde Wasser eingefüllt, um es einige Zeit der eingebauten Radiumquelle auszusetzen und danach zu trinken. Generelles Ziel einer solchen Trinkkur war es, die «Lebenstätigkeit anzuregen und zu erneuern». Besonders empfohlen wurde sie damals gegen Rheuma, Gicht und Ischias.

Radium? Trinken ?? Gesund ?!?

Das Element Radium wurde 1898 vom Ehepaar Curie in Pechblende aus dem böhmischen Sankt Joachimsthal entdeckt und nach seinen stark strahlenden Eigenschaften benannt. Besonders bekannt wurde seine Verwendung für permanent helle Leuchtziffern, aber bis heute bedeutender ist sein Einsatz zur harten Bestrahlung von Krebs.

«Strahlung» war traditionell positiv besetzt und symbolisiert gleichsam die Waffe im ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis. Deshalb dauerte es erstaunlich lange, bis man sich der Gefahren radioaktiver Strahlung bewusst wurde. In den 1920ern mehrten sich die Anzeichen, dass Radium nicht nur zu Verbrennungen, sondern auch zu Missbildungen führen kann und eine Quelle für die «Strahlenkrankheit» ist. Dass die Radiumtrinkgefässe trotzdem ihre Blütezeit in den 1930er-Jahren erlebten, liegt daran, dass dabei gar kein Radium konsumiert wurde.

Bereits 1899 wurde die «Radium-Emanation» entdeckt, ein vom Radium «ausfliessendes» Gas, zuweilen auch Niton benannt. Berichte über seine angeblich heilsamen Kräfte bei Bade- und anderen Kuren führten ab 1906 zur Gründung von Radium-Kurorten. Zur Therapie wurde die Emanation in schwacher Konzentration inhaliert oder in Wasser gelöst und durch Baden oder Trinken aufgenommen. Erst 1923 einigte man sich darauf, dieses durch Zerfall von Radium 226 entstehende Edelgas RADON zu nennen.

Das aus dem Gestein austretende Radon wurde zur Therapie vor Ort in Stollen oder Kammern aufgefangen. Man konnte es auch in bewegliche Behälter abfüllen, doch wegen der kurzen Halbwertszeit war ein Versand über weitere Strecken sinnlos. Die Radiumtrinkgefässe stellten den Entstehungsprozess von Radon fortlaufend im Kleinen nach und waren deshalb die effizienteste Art, eine Radon-Therapie abseits einer Radiummine durchzuführen.

Die Strahlenquelle in den Radiumtrinkgefässen enthielt Radium (Ra 226) in Form einer nicht wasserlöslichen chemischen Verbindung, da das Wasser nur das entstehende Radon auffangen sollte. Man war überzeugt, als Edelgas würde es chemisch nicht in den menschlichen Körper eingebunden und bei einer Halbwertszeit von knapp 4 Tagen könne auch bei einer längeren Kur keine gefährliche Akkumulation stattfinden. Soweit die Theorie. De facto löst sich Radon u.a. in Wasser und Fett und zerfällt über mehrere Stufen, die jeweils selbst wieder radioaktiv sind.

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Abb. 2: Badezusatz «Maurentius Radium=Bäder» in Originalschachtel, Inventarnummer 13092.

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Radiumkurorte in der Schweiz?

Bei den Quellen in Val Sinestra im Unterengadin wurde im frühen 20. Jh. ein Kurhaus errichtet, um die seltenen arsenhaltigen Quellen therapeutisch zu nutzen. Als man feststellte, dass auch eine nennenswerte Menge Radium austrat, war die Freude aber nicht gross. Das Radium trat als Feststoff im Schlamm aus und ausgerechnet das begehrte Radon liess sich nicht auffangen. Um doch noch etwas Erlös zu generieren, verarbeitet man den radioaktiven Quellschlamm ab ca. 1929 zu Badezusätzen (Inv.Nr. 13092. vgl. Abb. 2).

Radongas liess sich zwar in verschiedenen Quellen der Schweiz nachweisen und die entsprechenden Mineralwässer wurden in der Zwischenkriegszeit stolz als «radioaktiv» beworben. Aber stark und ergiebig war keine von ihnen. Am bekanntesten war wohl noch die St.-Placidus-Quelle in Disentis GR.

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Abb. 3: Schuhcréme-Gläschen «Radium» von Dosenbach, Mitte 20. Jh, Inventarnummer 14946.

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Theorie der Wirkungsweise

Die Therapie mit Radon gehört zu den Schwachstrahlenbehandlungen. In der empfehlenden Literatur wird meistens der sogenannten Arndt-Schulz-Effekt zitiert: «Schwache Reize fachen die Lebenstätigkeit an, mittelstarke Reize fördern sie, starke hemmen sie, stärkste heben sie auf.»1  Wie der Begriff «Lebenstätigkeit» signalisiert, verlässt man mit dieser Argumentation die von den Naturwissenschaften beanspruchten Bereiche. Historisch betrachtet handelt es sich um eine Verallgemeinerung, Überspitzung und teilweise Umkehrung des Paradoxons nach Paracelsus, wonach eine Substanz in geringer Dosis heilsam sein kann, in grosser Dosis aber giftig. Die beliebte Umkehrung, dass was in grosser Menge giftig sei, in geringer Dosis heilsam wäre, hat in der Geschichte der Pharmazie viele Irrwege begründet.

Die Argumentation ist kontraintuitiv, aber wohl gerade deswegen anziehend für Leute, die den Naturwissenschaften im Allgemeinen und der Schulmedizin im Besonderen misstrauen. Bis in die 1950er blieb «Radium» so positiv bewertet, dass auch Produkte danach benannt wurden, die nichts in der Art enthielten (Inv.Nr. 17946 Schuhcréme-Gläschen «Radium» von Dosenbach, Mitte 20. Jh. vgl. Abb. 3).

Ob ionisierende Strahlung/Radioaktivität überhaupt – in welcher Dosierung auch immer – positive Effekte hervorrufen kann, ist noch immer Gegenstand von Kontroversen. Nach den heute im Strahlenschutz gültigen Prinzipien besteht bei Radontrinkkuren ein mässiges Risiko bei sparsamer und ein erhebliches bei intensiver Anwendung. Deshalb wurden Verkauf und Nutzung von Radiumtrinkgefässen in den frühen 1960ern verboten. Zudem kann bei Beschädigung des Geräts, insbesondere der Strahlenquelle, gefährliches Radium freigesetzt werden. Deshalb wurde in der Schweiz Mitte der 1980er eine landesweite Rückrufaktion ausgerufen (vgl. Abb. 4).

 

1: Zitiert aus https://de.wikipedia.org/wiki/Arndt-Schulz-Regel. Statt von Effekt oder Regel kann man bestenfalls von einer Hypothese sprechen.

12903
Abb. 4: Bundesamt für Gesundheitswesen, Informationsdienst: Pressemitteilung vom 5. Juni 1987. Radiumtrinkkuren.

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Achtung!

Falls Sie, auf welchem Weg auch immer, in den Besitz eines solchen Gerätes gelangen, sollten Sie es AUF KEINEN FALL ÖFFNEN oder selbst vernichten. Kontaktieren Sie zur Entsorgung die zuständige Stelle in ihrem Kanton oder Bundesland.

Die vier in unserer Sammlung befindlichen Geräte wurden professionell dekontaminiert und ihre Strahlungsquellen fachgerecht entsorgt.