Fit für ein neues Zeitalter

Abb. 1
Abb. 1: Die beiden Etuis im Vergleich. Oben MHSZ 3256, unten MHSZ 3250.

© Institut für Evolutionäre Medizin

Zwei Etuis aus gleicher Zeit und Werkstatt

Die Amputationsetuis MHSZ 3250 und 3256 (Vgl. Abb. 1) haben beide etwas gelitten und sind nicht mehr komplett. Die Etuideckel und ein kleiner Teil der Instrumente fehlen offenbar schon länger. Trotzdem sind Zusammenstellung und Formgebung der Instrumente und besonders die Machart der Etuis sehr ähnlich. Die Schmiedemarken stammen alle von Hölzlin in Freiburg i.Br.

Unsere Sammlung enthält auffallend viele Geräte aus dieser Werkstatt. Hölzlin zählte offenbar zu den beliebtesten chirurgischen Instrumentenmachern im Umkreis von Zürich.1 Die hiesigen Ärzte bezogen feinere und komplexere Instrumente lieber von ihm als von den heimischen Instrumentenmachern. Hölzlin galt nicht als besonders innovativ, aber als ein fähiger und solide ausgebildeter Instrumentenmacher der Wiener bzw. Rudtorffer’schen Schule.

 

1: Vor der französischen Besetzung 1792 war das mit Zürich verbündete Strassburg ein beliebter Anlaufpunkt für Zürcher auf der Suche nach chirurgischer Ausbildung und entsprechenden Instrumenten.

Geschichte des Herstellers

Ohne archivalische Nachforschungen bleibt uns der chirurgische Instrumentenmacher Johann Nepomuk Hölzlin (17?? – ca.1867) noch etwas rätselhaft. Herkunft und Werdegang beschreibt er im Vorwort zu seinem Preisverzeichnis von 1821 nur lückenhaft und über sein restliches Leben sind die minimalen Einträge im jährlich erschienenen Adressbuch der Stadt Freiburg die sicherste Quelle. Über das Handwerk hinaus in die Medizin reichende Teile seiner Ausbildung will er bei Prof. Rudtorffer (1760 – ca.1833) in Wien genossen haben.2 Das wurde aber nie belegt und Rudtorffer vermochte sich 1823 auch nicht an ihn persönlich zu erinnern.3

Erst mit der Eröffnung seiner Werkstatt 1821 in Freiburg i.Br. tritt Hölzlin unvermittelt ins Licht der Regionalgeschichte. Ein solcher Karriereschritt erfolgte üblicherweise nach Lehrzeit, Wanderschaft und Meisterprüfung etwa um das 30. Lebensjahr. Da seine Ausbildung staatlich gefördert wurde, könnte er auch schon etwas früher dafür bereit gewesen sein. Ende 1821 wurde er zudem auf die neu geschaffene Stelle eines Hof- und Universitäts-Instrumentenmachers berufen.4 Danach finden sich kaum noch Nachrichten zu ihm.

Seine plötzliche Geschäftsaufgabe 1845 ist bis jetzt unerklärlich. Knall auf Fall schliesst er seine Werkstatt, lässt seine Stellung an Hof und Universität auf das Jahr 1846 hin verwaisen und führt fortan zusammen mit seiner Frau das Wirtshaus zum Wilden Mann. Von 1856 an bis 1866 wird er im Freiburger Adressbuch noch als «Partikulier» ausgewiesen, wir deuten das mal als «Ruheständler», und 1867 ein letztes Mal noch als «Wittwer». 1868 fehlt sein Name ganz.

 

2: Hölzlin 1821, S. II-III.
3: Medicinisch-chirurgische Zeitung N. 44, den 2. Juny 1823, S. 300-303, insb. 302.
4: Der massive Aus- und Umbau des Militärwesens während der napoleonischen Kriege umfasste eine Verbesserung des Sanitätswesens, das mit modernen chirurgischen Instrumenten ausgerüstet werden musste. Um 1800 versuchten zahlreiche Herrscher, vom mitteldeutschen Fürsten bis zum Zaren von Russland, den Stand der chirurgischen Instrumentenmacher zu fördern, an sich zu binden und ausgewiesene Experten auch mal direkt abzuwerben.

Abb. 2
Abb. 2: Die grossen Messer aus den beiden Etuis im Vergleich. Holzgriffe aus MHSZ 3250, Metallgriffe MHSZ 3256.

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Ein Visionär in der Provinz?

Die kurze Blütezeit der Werkstatt Hölzlin von 1821 bis 1845 passt zum Stil der beiden Etuis, aber nur teilweise zu dem der Instrumente. Im «roten» Etui 3250 sind alle Instrumente mit flächig aufgerauten Griffen aus dunklem Holz versehen, im «schwarzen» Etui 3256 alle mit glatten Griffen aus hohlem Metall (Vgl. Abb. 2). Während die Metalloberflächen im ersteren gelegentlich gebläut wurden, sind sie im letzteren öfters vernickelt (Vgl. Abb. 3). Die einfachste Erklärung für diese Unterschiede ist, dass jemand dieselben Instrumente in aseptischer Ausführung haben wollte. Diese Anforderung zu stellen, wäre Ärzten aber eigentlich erst Ende des 19. Jh. eingefallen. Ist Hölzlin etwa ein vergessener Visionär der Medizintechnik?

Abb. 3
Abb. 3: Die grossen Sägen im Vergleich. Man beachte das gebläute Sägeblatt und den Holzgriff bei der oberen Säge aus Etui MHSZ 3250 und die vernickelten Teile an der unteren aus Etui MHSZ 3256. Die Zierelemente am Bügel und an der Spannvorrichtung hätte man bei einem wirklich auf Asepsis ausgelegten Gerät weggelassen.

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Der lange Weg zur Asepsis

Als man in den 1820ern ernsthafter Statistik zu treiben begann, stellte man erschreckt fest, dass viele Ärzte in der Blüte ihres Schaffens oder noch davor starben. Ursache war oft eine kleine Verletzung beim Sezieren, die sich faulig entzündete und über Blutvergiftung bis zum Exitus voranschritt. Uneinig war man sich aber noch fast bis zum Ende des Jahrhunderts über die Ursachen der Fäulnis (Sepsis). Jeder Schritt vorwärts in dieser Frage musste hart erkämpft werden und erzeugte eine neue Generation von Ärzten, die dafür den nächsten Schritt ablehnte.

Zwischenspiel mit Antisepsis (Desinfektion)

Ignaz Semmelweis (1818 – 1865) hatte 1846/47 den Geistesblitz, Vergiftungen bei Sektionen und das Kindbettfieber könnten Infektionen aus derselben Quelle sein, der man mit hygienischen Massnahmen begegnen könnte. Obwohl er 1847/48 die Wirksamkeit dieses Ansatzes experimentell nachweisen konnte, gelang es ihm nie, die massgeblichen Chirurgen der Zeit zu überzeugen. Es brachte Semmelweis wenig Sympathien ein, als er sich frustriert dazu hinreissen liess, angesehene Ärzte als «Mörder» zu bezeichnen, die mit von Kadavern verschmutzten Händen aus dem Sektionssaal direkt zur Arbeit im Operations- oder Kreissaal schritten, um dort – ihrer Ansicht nach – Leben zu retten. Als einfachem Ungaren ohne Adelstitel schlug ihm in der Hierarchie der k.&k. Ärzteschaft wohl auch so schon genug Eigendünkel entgegen.

Als Joseph Lister (1827 – 1912) ab 1865 mit der Desinfektion von Operationswunden zu experimentieren begann, wurden seine Erfolge deutlich wohlwollender verfolgt und sein Vorgehen in den Operationssälen Europas zunehmend kopiert. Angeregt durch die Forschungen von Louis Pasteur (1822– 1895) und Robert Koch (1843 – 1910) entwickelte man auch zunehmend plausiblere Theorien über die wahren Ursachen der Sepsis.

Paradigmenwechsel: Von der Antisepsis zur Asepsis

Der vollständige Durchbruch lässt sich nicht mit einem bestimmten Buch, Experiment oder Kongress verknüpfen. Er war das Resultat eines langen, gemeinsamen Ringens. Der systematische Einsatz von Antisepsis bei der medizinischen Arbeit – d.h. Wunden, Instrumente, Verbände etc. zu desinfizieren, ist sicher klug. Aber wäre es nicht noch klüger, die medizinische Tätigkeit gleich in ein aseptisches = keimfreies Umfeld zu betten? Ist Antisepsis zwar einer der Wege, die Asepsis aber das eigentliche Ziel?

In der Theorie klingt das einfach und man hätte ruhig früher darauf kommen können. Aber die Umsetzung erwies sich als deutlich schwieriger. «Asepsis» muss ständig und konsequent auf vielen Ebenen und von allen Beteiligten umgesetzt werden. Es beginnt bei der Hygiene des Personals und geht über jene der Kleidung und Wäsche, der Instrumente, des Verbandmaterials, des Mobiliars, der Böden und Wände, der Belüftung, Heizung, Kühlung bis hin zur Wasserversorgung und den Besuchsregeln. Das benötigte neue Abläufe, neue Infrastrukturen, mehr Material, mehr Personal, bessere Ausbildung und alles in allem viel mehr Geld.

Aseptische Instrumente

Um den neuen Hygieneansprüchen zu genügen, wurden chirurgische Instrumente ab ca. 1885 zunehmend nach neuen Prinzipien konstruiert.5 Sie mussten einfach und wiederholt durch eine chemische oder hitzebasierte Sterilisation geschickt werden können, ohne Schaden zu nehmen. Alle unnötigen Dekor- und Gestaltungselemente wurden weggelassen und die Form und Oberflächen auf einfache Reinigung ausgelegt: keine Schnörkel, Zierrippen, Unterschneidungen oder feine Aufrauhungen mehr. Poröse organische Materialien wie Holz, Knochen oder Horn wurden durch Metall, Glas oder Hartgummi ersetzt; korrodierende Metalle wurden mit Nickel beschichtet. Alles wie im Etui MHSZ 3256.

Nicht jedes Krankenhaus und jeder Arzt konnten es sich leisten, ihr ganzes Instrumentarium sofort in aseptischer Version neu zu beschaffen. Viele Hersteller und Händler boten aber Reparaturen alter Geräte an, u.a. den Ersatz von Griffen, und seit ca. 1880 konnte man auf Wunsch auch eine Vernickelung auffrischen oder komplett neu auftragen lassen. Manche Verbraucher haben das wohl genutzt, um ausgewählte Geräte zu «modernisieren». Normalerweise sind es einzelne Instrumente, die bei uns diese Vermutung wecken. Hier haben wir für einmal ein ganzes Etui vor uns.

 

5: Vgl. z.B. Gutsch 1886.

Abb. 4
Abb. 4: Unterbindungspinzetten nach Assalini (vgl. Assalini 1812) im Vergleich. Oben aus Etui 3250, unten aus Etui 3256.

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Abb. 5
Abb. 5: Arterienhaken nach Wollstein. Oben aus Etui 3250, unten aus Etui 3256. Eigentlich sollten Haken und Griff wie bei einem Tascheninstrument zusammenklappbar sein (Siehe Fussnote 8, oben), für das repräsentative Instrumentenset montierte es der Instrumentenmacher aber an einen fixen Griff.

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MHSZ 3256: Ein Etui mit Vergangenheit

Die Instrumente aus dem schwarzen Etui MHSZ 3256 gehören von Typ und Stil her ins ältere 19. Jh., sind aber in ihrer Machart «eigentlich» aseptisch. Als sie aber zwischen 1821 und 1845 hergestellt wurden, war der Begriff «Asepsis» noch unbekannt. Selbst die revolutionärsten Mediziner hätten «Desinfektion» nicht annähernd im heutigen Sinn definiert und Semmelweis wartete noch auf seinen Geistesblitz. Der Anachronismus von alter Form und neuer Technik ist bei Abb. 4 und 5 besonders augenfällig.

Das Etui 3256 wurde unserer Sammlung 1927 von einer Frau Dr. Sautier aus Auw AG geschenkt, soll aber ursprünglich einem Dr. Leuthold gehört haben.6 Mangels Vornamen und Lebensdaten konnten wir noch keine Biographien damit verbinden. Da das Etui gut 100 Jahre nach der Herstellung in die Sammlung kam, könnte es nacheinander von zwei oder drei Ärzten benutzt worden sein.  Vermutlich war es der letzte von ihnen, der es um 1900 modernisieren liess.7

Offenbar wechselte das Etui seinen Besitzer auch über eine Familiengrenze hinweg. Chirurgische Instrumente waren teuer und in früheren Jahrhunderten war es üblich, dass wenn ein Arzt ohne Geschäftsnachfolger starb, die Instrumente über die Nachkommen hinaus vererbt oder verkauft wurden.

Um den Bogen zurück zu Hölzlin zu schlagen: Mit den «visionären Neuerungen» im Etui 3256 hat er selbst nichts zu tun. Es spricht aber sehr für seine Handwerkskunst, dass seine Instrumente auch zwei Generationen später noch für wertvoll genug erachtet wurden, um sie derart aufwändig fit für ein neues Zeitalter zu machen!

 

6: Der Vollständigkeit wegen: Zum Etui 3250 ist noch ein Etikett mit der Nummer A V.23. erhalten, unter welcher es 1882 als Teil der Sammlung der chirurgischen Klinik erfasst worden war. Es war also damals bereits aus dem aktiven Gebrauch ausgeschieden.
7: Die Auflage aus Samt im Etui war zwar schon seit 1881 als potentieller Keimträger erkannt, wurde um 1900 aber noch von Vielen toleriert, da man die Instrumente sowieso vor und nach der Operation reinigte.
8: Vgl. z.B. Cessner 1852, S. 13.

Literatur

  • Assalini, Paolo: Manuale di Chirurgia, parte prima. Milano: Pirola, 1812, Tav. IV, Fig. 10.
  • Cessner, C.J.: Handbuch der chirurgischen Instrumenten- und Verbandlehre. Wien: Seidel, 1852.
  • Gutsch, L.: Ueber aseptische Instrumente und Operationszimmer-Einrichtungen. Illustrierte Monatsschrift der ärztlichen Polytechnik, VIII. Jahrgang, Heft 1, 1. Januar 1886, 3-17, Taf. I-IX.
  • Hölzlin, Johann Nepomuk:  Verzeichniss der chirurgischen, geburtshülflichen, anatomischen und thierärztlichen Instrumente und Geräthe, welche um beigesetzte Preise verfertigt werden. Freiburg i. Br.: Eigenverlag, 1821.